Hintergrund | 21.11.2016

In Kafr Kassem erinnert ein Denkmal an das Massaker von 1956

In Kafr Kassem erinnert ein Denkmal an das Massaker von 1956
Foto: Avi1111, Wikipedia | Public Domain

Menschenrechte im Propaganda-Kampf

Öffentlich zelebriertes Mitgefühl mit Angehörigen von Toten oder mit Verletzten von Krieg und Terror gehört heute zum politisch korrekten guten Ton. Personalisierte Trauer gestaltet sich allerdings schwierig, wenn gleich Dutzende oder gar Hunderttausende sterben, wie im syrischen Bürgerkrieg.

Die Vereinten Nationen sorgen dafür, dass durch Namensnennung von drei in Syrien getöteten Palästinensern bei der Weltgemeinschaft Empathie geweckt wird – allerdings nur für die Palästinenser, nicht aber für ihre namenlosen syrischen Begleiter. Tote Syrer sind nicht Sache der UNRWA, des Hilfswerks der Vereinten Nationen für palästinensische Flüchtlinge. Genauso zynisch ist das Verhältnis zu „Massakern“ im Heiligen Land. Ein israelisches Massaker an Arabern vor 60 Jahren ist unauslöschlich im Gedächtnis israelischer und arabischer Vertreter. Die Israelis empfinden tiefe Scham wegen dieser nationalen Schande. Anders die Palästinenser: Ganze Serien von Massakern an Israelis 1972 in München und seither in Tel Aviv , Jerusalem und anderswo werden nicht einmal als Massaker gesehen. Das sind „Heldentaten“, deren Täter bis heute von der arabischen Seite als Nationalhelden gefeiert werden.

Kafr Kassem. Vor 60 Jahren – am 29. Oktober 1956 – haben israelische Grenzschützer ein grausames Massaker angerichtet. Palästinensische Bauern, darunter Frauen und Kinder, kamen von den Feldern zurück nach Hause. Niemand hatte sie informiert, dass die tägliche Ausgangssperre schon auf 17 Uhr vorverlegt worden war. Eine Abteilung Grenzschützer nahm die Befehle wörtlich: „keine Gefühle zeigen“. 48 Heimkehrende wurden erschossen. Die Araber zählen auch den Fötus einer Schwangeren mit und kommen so auf 49 Tote. Weitere wurden verletzt und tragen die Wunden bis heute. Ein Überlebender war damals 17 Jahre alt. Der heute 77 Jahre alte Mann zeigte das Einschussloch einer Kugel in seiner Stirn. Der Kameramann des öffentlich-rechtlichen israelischen Fernsehens filmte die Wunde in Großaufnahme.

Kafr Kassem ist eines der finstersten Schandmale der Geschichte Israels. Die verantwortlichen Befehlshaber wurden zu Haftstrafen verurteilt, aber innerhalb eines Jahres begnadigt. Der Brigadekommandeur erhielt eine symbolische Geldstrafe in Höhe von 10 Prutot – 10 Pfennigen. 1957 gab es einen ersten Versuch, eine Versöhnungszeremonie zu veranstalten, mit Kabinettsministern und Abgeordneten. Die israelischen Verurteilungen dieses „grausamen Massakers“ gelten bei israelischen Arabern bis heute als Verhöhnung der Opfer und als nicht ernstgemeint.

Der verstorbene Staatspräsident Schimon Peres und erneut der jetzige Präsident Reuven Rivlin baten um Verzeihung. Rivlin kam im Oktober am Jahrestag nach Kafr Kassem, um die Schande einzugestehen und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu äußern. Die Vorgänge in Kafr Kassem gelten beim israelischen Militär als Paradebeispiel für „illegale Befehle“. Kein Soldat dürfe sie befolgen. Dennoch marschierten am Gedenktag Tausende Bewohner der Stadt in schwarzen Gewändern durch die Straßen, um an das Massaker zu erinnern. Linksgerichtete israelische Organisationen organisierten Gedenkfeiern. Israelische PR-Firmen luden die Presse ein.

„Menschenrechte“ sind längst wie eine Religion geworden. Eigentlich sollten jegliche Zivilisten als „Unschuldige“ gelten. Doch hat sich eingebürgert, nur „Frauen und Kinder“ zu illegitimen Opfern zu erklären, wenn es darum geht, die jeweiligen Angreifer wegen der Verletzung von Menschenrechten an den internationalen Pranger zu stellen.

Im syrischen Bürgerkrieg, wo die Millionenstadt Aleppo dem Erdboden gleichgemacht wird, von kleineren Ortschaften und Vierteln in der Hauptstadt Damaskus ganz zu schweigen, hört man nur selten von Einzelschicksalen, obgleich Millionen Menschen fliehen und die Zahl der Toten in die Hunderttausende geht. Und in Israel hat das Fernsehen noch nie Wunden von jüdischen Terror-Opfern aus der Nähe gezeigt, wie im Falle des 17-Jährigen aus Kafr Kassem.

Welche Opfer werden genannt?

Die UNO-Flüchtlingshilfeorganisation UNRWA ist allein für die „arabischen Flüchtlinge aus Palästina“ verantwortlich und wird seit ihrem Bestehen 1950 mit vielen Milliarden US-Dollar aus Steuerzahler-Geldern finanziert. Sie veröffentlichte kürzlich folgende Pressemitteilung:

„UNRWA verurteilt die Tötung von vier Palästina-Flüchtlingen und fordert vollen humanitären Zugang zum Flüchtlingslager Chan Eschieh in Syrien. Vier Palästina-Flüchtlinge wurden in der Nacht des 18. Oktober getötet, als sie versuchten, das Flüchtlingslager Kchan Eschieh Palästina, südlich der syrischen Hauptstadt Damaskus, zu verlassen, zu der der Zugang stark eingeschränkt wurde. Nofeh Mohammed Dscharad, in ihren 60ern, ihre Tochter Ibaa Said al-Nader, 22, ihr Fahrer und ein einjähriges Baby waren alle getötet, als ihr Fahrzeug um 22 Uhr bombardiert wurde. Die Mutter des Babys, eine syrische Staatsbürgerin, ist auch bei dem Vorfall gestorben.“

Das wirkt auf den ersten Blick ehrenwert. Wo sonst erfährt man die Namen und das Alter von Getöteten jenes Bürgerkriegs, bei dem schon um die halbe Million Menschen ermordet worden sind? Die Mutter des Babys und der Fahrer werden allerdings namentlich nicht genannt, weil sie Syrer sind und deshalb nicht in die Verantwortung der UNRWA fallen. „Menschenrechte“ gelten laut UNRWA offenbar nur für registrierte „Palästina-Flüchtlinge“, nicht aber für Syrer. Man bedenke auch, dass die namentlich genannten Toten ihr Gedenken einem weltweiten, teuren Propaganda-Apparat verdanken, während die übrigen Getöteten mangels UNO-Organisation in der Anonymität sterben.

Nur ein einziges Massaker an Israelis?

Nach dem Massaker an 22 Muslimen durch den Juden Baruch Goldstein, 1994 in der Abrahams-Moschee in Hebron , ist der damalige Staatspräsident Eser Weizman nach Hebron gefahren, um palästinensische Angehörige der Toten des Mordanschlags zu besuchen.

An Israelis ist bisher offiziell nur ein einziges Massaker verübt worden, von einem jordanischen Soldaten auf der „Friedensinsel“ im Niemandsland zwischen Israel und Jordanien am 13. März 1997. Er tötete sieben israelische Schülerinnen und verletzte weitere, sowie einen Lehrer. Dann klemmte seine Waffe. König Hussein von Jordanien besuchte daraufhin Israel und bat kniend die Angehörigen um Vergebung.

Ansonsten wurden zwar schon ab 1929 immer wieder Juden und später Israelis ermordet, bei Selbstmordattentaten in Bussen, auf Marktplätzen, in Restaurants und Hochzeitssälen. Doch das waren keine „Massaker“, sondern Nebeneffekte gezielter Kommandounternehmen von Freiheitskämpfern. Zudem gibt es in Israel keine „unschuldigen Zivilisten“. Jeder wird entweder eines Tages seinen Militärdienst leisten, oder war Soldat vor Jahrzehnten. Und da es bei all diesen Aktionen, darunter 1972 in München bei den Olympischen Spielen, allein um die „Befreiung Palästinas“ geht, gelten die Täter nicht etwa als Mörder oder Verbrecher, sondern als ehrenwerte palästinensische Nationalhelden. Nach ihnen werden heute Schulen, öffentliche Plätze und Sportturniere für Jugendliche benannt.

Wegen dieser offiziellen Ansichten der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA)darf niemand erwarten, dass Palästinenser ihrerseits Gedenkveranstaltungen wie kürzlich in Kafr Kassem organisieren, oder gar, dass der palästinensische Präsident, Mahmud Abbas oder sein Vorgänger Jasser Arafat , jemals um „Verzeihung“ gebeten hätte, wie das König Hussein oder israelische Staatsoberhäupter tun und getan haben. Dabei ist die Liste der Anschläge mit besonders vielen israelischen Toten, darunter auch Arabern, Gastarbeitern und Touristen, weitaus länger, als die Liste der israelischen „Massaker“ an Palästinensern. Unvergessen sind die Attacken auf Schüler in Ma‘alot, der Anschlag auf feiernde Holocaustüberlebende im Parkhotel in Netanja am Pessach-Abend 2002, auf die Diskothek am „Dolphinarium“ in Tel Aviv , auf eine Hochzeit in Hadera und anderswo. Doch selbst in Israel wird das Gedenken an die Toten dieser Anschläge meist nur im kleinen Kreis der Angehörigen begangen und nicht als Staatsakt mit Politikerreden. Und schon gar nicht kontert Israel mit Großaufnahmen von Wunden der Terror-Opfer, um Propaganda gegen die Palästinenser und ihre menschenverachtende Kriegsführung zu betreiben. (uws)

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei www.audiatur-online.ch

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