Hintergrund | 12.09.2016

In dem Stall aus der byzantinischen Zeit entdeckten die Archäologen Tröge, aber auch eine einen Meter dicke Schicht an Mist der Tiere

In dem Stall aus der byzantinischen Zeit entdeckten die Archäologen Tröge, aber auch eine einen Meter dicke Schicht an Mist der Tiere
Foto: Israelische Altertumsbehörde

Kommentar: Mist aus dem Heiligen Land

Es ist durchaus unterhaltsam, wie sich Israelis und Palästinenser, Juden und Moslems, mit vermeintlichen archäologischen „Entdeckungen“ gegenseitig politische Ansprüche in Jerusalem und im Heiligen Land streitig machen. Der aktuellste Fund: ein 1.500 Jahre alter Stall in Südisrael.

In Avdat im Süden Israels haben Archäologen eine umwerfende Entdeckung gemacht: Sie fanden einen 1.500 Jahre alten Stall. Professoren aus den USA mitsamt ihren Studenten und üppigen Spenden kamen angereist, um mit israelischen Archäologen den Stall zu erforschen. Esel, Ziegen und Schafe haben eine einen Meter dicke Schicht Mist hinterlassen. Der dient nun als Fundgrube für Samen von Weintrauben und Kräutern. Die Archäologen fanden sogar steinerne Tröge, aus denen die Viecher getrunken und gefressen hätten. Eine ausführliche Pressemitteilung der Altertumsbehörde wurde auch vom Presseamt der israelischen Regierung verbreitet.

Jeder weiß, dass Haustiere im Stall Mist hinterlassen. Man hat im Heiligen Land schon unzählige Ställe aus mehreren Jahrtausenden ausgegraben. Welche neue Erkenntnis bringt die Erforschung eines alten Stalles, in dem nicht einmal ein Heiland zur Welt kam?

Mythen und Fakten

Archäologie ist eine wichtige und oft auch spannende Wissenschaft. Das gilt besonders für das Heilige Land, wo die Ausgräber Dinge finden, die für die halbe Menschheit von Bedeutung sind. Man muss nicht „gläubig“ sein. Dennoch bleibt die Bibel ein Weltbestseller. Manche Geschichten sind ein fester Bestand unserer Sprach- und Gedankenwelt geworden. Jeder verwendet das Bild von „David und Goliath“ und weiß genau, dass Herodes ein ganz schlimmer Bösewicht war. Der Kampf im Elah-Tal mag ein Mythos sein. Gegen Herodes gibt es seit 2.000 Jahren eine unausrottbare PR-Kampagne. Uralte Legenden werden lieber geglaubt als wissenschaftliche Gegenbeweise.

Manche warten sehnlichst auf die Entdeckung der Visitenkarte, des Personalausweises oder wenigstens des gravierten Eheringes des Jesus von Nazareth, um einen „Beweis“ für seine Existenz zu erhalten. Andere, darunter angesehene Archäologen und glaubwürdige Zeitschriften wie „Der Spiegel“, bemühen sich mit allen Kräften darum, Erzvater Abraham, König David und seinen Nachfolger Salomo ins Reich der Legende zu verweisen. „Wenn der Sohn des Salomo archäologisch einwandfrei belegt ist, dann muss er auch einen Vater gehabt haben“, konterte der israelische Professor Gabriel Barkai zur irrationalen Logik mancher „Minimalisten“, die versuchen, biblische Helden posthum gleich ganz abzuschaffen.

Darwins Evolutionstheorie klingt für viele gewiss überzeugender als die biblische Schöpfungsgeschichte. Dennoch hält sich fast die gesamte Menschheit an die so „erfundene“ Sieben-Tage-Woche und schiebt einen Ruhetag ein, gleichgültig ob das der Freitag, der Sabbat oder der Sonntag ist. Niemand käme auf die Idee, diesen Rhythmus in Frage zu stellen, nur, weil bisher kein Archäologe einen „Beweis“ für die Schöpfung der Welt durch Gott in sechs Tagen gefunden hat.

Politische Legendenbildung

Hinter tatsächlichen oder vermeintlichen archäologischen „Entdeckungen“ stecken oft handfeste politische Interessen. Manche stört der enorme geistige Einfluss, den das winzige und immer wieder durch Verfolgungen dezimierte Volk der Juden auf Milliarden Menschen hat. Weil die Bibel mit ihren Zehn Geboten heute nicht mehr als moralische Vorlage für die Ideologie der Menschenrechtler, Veganer oder Kommunisten herhalten kann, wurde mit den „Protokollen der Weisen von Zion“ (ein antisemitisches Machwerk, das Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist) eine moderne Form des Einflusses der Juden erfunden. Das Gespenst des „Finanzjudentums“ wurde in die Welt gesetzt, als würden Juden mit ihrem Geld die ganze Welt beherrschen.

Nach der Gründung Israels wurde der berüchtigte Geheimdienst Mossad zum Buhmann der Menschheit. Bei einschlägigen Verschwörungstheoretikern erfährt man, dass nicht etwa Osama Bin Laden und ein Dutzend Terroristen den schlimmsten Anschlag der Weltgeschichte in New York am 11. September vor 15 Jahren veranstaltet haben, sondern natürlich der Mossad. Der allmächtige israelische Geheimdienst hatte – laut dieser Theorien – sogar die Fähigkeit, Naturgewalten zu entfesseln, darunter den verheerenden Tsunami in Ostasien am 26. Dezember 2004, dem 230.000 Menschen in 14 Ländern zum Opfer gefallen sind.

Schon eine ganze Weile kommt man aus dem Staunen nicht heraus, mit welchen Methoden der Mossad die arabischen Nachbarstaaten ausspioniert. Als „Beweise“ dienen von der Tel Aviver Universität beringte Aasgeier, Adler und Singvögel. Sie werden als „Spione“ verhaftet und von den Sicherheitskräften im Libanon, der Türkei oder Saudi-Arabien verhört. Vor der Sinaiküste Ägyptens wurden den Verschwörungstheoretikern zufolge vom Mossad abgerichtete menschenfressende Haie gesichtet. Und zuletzt schnappten die Iraner zionistische Eichhörnchen. Diese lieblichen Allesfresser genießen mit Vorliebe alle möglichen Kerne. Die Perser glaubten wohl, dass es die wendigen Minispione aus Israel auf die Kern-Industrie der Ajatollahs abgesehen haben.

Geschichtsklitterung als Wissenschaft

Biblische Archäologie ist vor allem beim Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern populär. Ungeachtet wissenschaftlicher Erkenntnisse versuchen Palästinenser, ihre Ansprüche auf das Land mit virtuoser Geschichtsklitterung zu rechtfertigen. Sie berufen sich darauf, die direkten Nachfahren der vor 2.500 Jahren ausgestorbenen „Philister“ zu sein. Sie verschweigen aber, dass die Philister mutmaßlich aus Zypern stammten und keinesfalls Araber waren, sondern Griechen, die Hundefleisch genossen haben. Nur wegen des Nahostkonflikts haben Medien in aller Welt kürzlich die erste Entdeckung eines Friedhofs der Philister mit großen Schlagzeilen versehen.

Unterhaltsam ist, wie Israelis und Palästinenser, Juden und Moslems, sich mit vermeintlichen archäologischen „Entdeckungen“ gegenseitig politische Ansprüche in Jerusalem und im Heiligen Land streitig machen. So hat nicht etwa Herodes die Klagemauer errichtet. Vielmehr waren es nach palästinensischen Angaben kanaanäische Jebusiter noch vor der listigen Eroberung Jerusalems durch David. Und einen Tempel habe es in Jerusalem nie gegeben. Also kann auch Jesus dort nie gewesen sein. So schafft man mit einem Rundumschlag Juden- und Christentum ab. Am Ende bleibt nur noch der Islam übrig. Dazu passt wunderbar der archäologisch noch unbewiesene biblische Spruch, dem ein Zitat aus dem Markus-Evangelium zugrunde liegt: „Wer es glaubt, wird selig.“ (uws)

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